Stadtquartier Am Tacheles
Fast vergessen sind schon die Jahre zwischen 1990 und 2012 als die Künstlerinitiative Tacheles dem Rest der ehemaligen Friedrichstadtpassagen ihren Namen gab und das vom Krieg kaum versehrte Gebäude, das aber einen Teilabriß 1980 erlebte, vor der völligen Zerstörung bewahrte.
Das Haus hat eine geradezu berlintypische Geschichte: Das Gebäude wurde als Friedrichstadtpassage vom Architekten Franz Ahrens (1858-1937) in der kurzen Bauzeit von 1907-08 gebaut. In der damaligen Presse fand es als monumentaler Warenhausbau, der die Oranienburger Straße mit der Friedrichstraße verband, einige Aufmerksamkeit: siehe die "Berliner Architekturwelt" von 1909 (https://digital.zlb.de/viewer/image/14192916_1909/2/) aus der auch die abgebildeten Fotos stammen. Das fünfgeschossige Gebäude hatte als Neuerung einen Stahlbetonkern, der insbesondere an der Mittelhalle, die die Verbindung zwischen den beiden Straßen markierte, zum Tragen kam. Die folgende Nutzergeschichte ist von Konkursen, Weitervermietungen, Umnutzungen und Umbauten geprägt (https://de.wikipedia.org/wiki/Kunsthaus_Tacheles)
Eine erste Zerstörung des einigermaßen wohlbehaltenen robusten Gebäudes nach dem Krieg fiel in das Jahr 1980. Zu einem von der DDR geplanten Gesamtabriß kam es dann aber durch den Mauerfall und die Besetzung durch die Künstlerinitiative Tacheles nicht mehr. 1992 wurde das Gebäude aufgrund des Engagements der Initiative unter Denkmalschutz gestellt. Die Attraktivität und Offenheit des imposanten, teilzerstörten Monumentalbaus zog immer mehr Künstler/innen, Veranstalter, Café- und Barbetreiber an, die Ateliers in den verschiedenen Räumen betrieben, Lesungen, Performances, Theater anboten. Die pulsierende Kulturinstitution wurde politisch unterstützt von der Architektin und Bezirksstadträtin Dorothee Dubrau, die im Bezirksamt Mitte von 1990-96 und wieder von 2001-2006 für Bau- und Wohnungswesen zuständig war. 1998 kaufte die Fundus-Gruppe das Grundstück, da sich aber kein Investor für die Planung fand, konnten die Nutzer bis 2008 einen Mietvertrag aushandeln, der aber nicht verlängert wurde. Ab da folgten Insolvenz der Betreiber, Zwangsverwaltung, Räumungen, die im September 2012 endgültig dem Projekt den Garaus machten. 2014 wurde das Gelände an die New Yorker Vermögensverwaltung Perella Weinberg Partners LP verkauft. Der inzwischen aufgestellte Bebauungsplan sah den Erhalt der Ruine und eine Anzahl von Wohn- und Gewerbebauten vor. Inzwischen wurde das ganze Gelände von Herzog & de Meuron bebaut und von den Investoren pwr development GmbH als "spannendstes städtebauliches Projekt der Metropole" bezeichnet. Der Architekturkritiker Niklas Maak hingegen befand in der FAZ vom 4.3.2023, daß sich "die Hauptstadt selbst enteignet" habe und daß Berlins umstrittenes neues Wohnviertel am Tacheles "die Folgen einer kopflosen Stadtplanung" zeige.
Es ist also sehr spannend, wie Dorothee Dubrau, die jahrelang die Entwicklung von Berlins Mitte verantwortete und begleitete und über eine profunde Erfahrung in Sachen behutsamer Stadterneuerung verfügt, die nach ihrem Ausscheiden hier erfolgten Veränderungen beurteilt.
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Ort: Kantstr. 106, 10627 Berlin
Zeit: 18 Uhr
Kosten: Für Mitglieder kostenlos, von Gästen erbitten wir einen Unkostenbeitrag von 15 €.
Bitte anmelden unter Tel.: 030/450 877 17 oder mail@denk-mal-an-Berlin.de
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