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ⓒ Regina Aisch

Zusammenfassung Fachgutachten von Dietrich Worbs

Das Haus Schlüterstraße 45 – ein Denkmal der „zerstörten Vielfalt“

Das Haus Schlüterstraße 45 ist 1991 auf seinen Denkmalwert geprüft worden. Die Gutachter stuften das Haus aufgrund seiner hohen geschichtlichen und wissenschaftlichen Bedeutung als denkmalwert ein. Sie hoben die herausragende Bedeutung von Grundriss und Fassade des Hauses hervor, insbesondere die zweigeschossigen Duplexwohnungen im 4. Obergeschoß/Dachgeschoß. Außerdem wiesen sie darauf hin, dass die NS-Reichskulturkammer ab 1942 und die Britische Militärregierung das Haus ab 1948 nutzten. Nach der Verabschiedung des neuen Berliner Denkmalschutzgesetzes 1995 trug das LDA das Haus Schlüterstraße 45 in die Denkmalliste ein.

Die Gründe für die Eintragung des Hauses als Baudenkmal waren und sind zutreffend und völlig ausreichend. Wir können heute – 20 Jahre später – die Ausführungen zur künstlerischen und geschichtlichen Bedeutung des Hauses aufgrund der inzwischen gesammelten Erkenntnisse aus Forschung und Überlieferung erheblich vertiefen und die Unersetzlichkeit des Hauses als Dokument des Reformwohnungsbaus um 1910 und als Zeugnis der Berliner Zeitgeschichte der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts genauer begründen.

Zur künstlerischen Bedeutung

Der aus Stuttgart stammende Bauherr und Bankier Robert Leibbrand (1867-1940) ließ das vornehme, großbürgerliche Mietwohnhaus von der Baufirma Boswau und Knauer 1911 errichten. Der Architekt ist nicht bekannt. Das Haus hatte im Erdgeschoß und im 1. bis 3. Obergeschoß jeweils eine 7-Zimmer-Wohnung mit 300 qm und eine 10-Zimmer-Wohnung mit 410 qm. Nebenräume wie Küche, Bäder, WC, Mädchenzimmer usw. waren bei der Zahl der Räume nicht mitgerechnet. Die Gesamtanlage des Hauses zeigte einen F-förmigen Grundriss mit Vorderhaus, einem Seitenflügel und einem Mittelflügel hinter dem zentralen Treppenhaus im Vorderhaus. Die Wohnungen wiesen jeweils vier bzw. fünf Gesellschaftsräume auf: Salon, Eß-, Herren-, Wohn- und Musikzimmer; die Privaträume umfassten drei bis vier Schlafzimmer, eine Ankleide, ein bis zwei Bäder, Mädchenzimmer und andere Nebenräume. Die Küchen lagen unmittelbar neben dem Esszimmer, durch eine Anrichte mit dem Esszimmer verbunden. Gesellschafts- und Privaträume waren strikt voneinander getrennt: Die Gesellschaftsräume lagen im Vorderhaus, die Privaträume im Seiten- bzw. Mittelflügel.

Am eindrucksvollsten sind die beiden obersten Wohnungen, die vom 4. Obergeschoß bis in das Dachgeschoß reichen, zweigeschossige Duplex-Wohnungen mit 10 bzw. 14 Zimmern. Die Wohnungen werden durch zweigeschossige Hallen mit offenen Treppen und Galerien erschlossen. Das liberale Bürgertum vor dem Ersten Weltkrieg nahm diese villenartigen Wohnungen des Reformwohnungsbaus mit Begeisterung auf.

Zur geschichtlichen Bedeutung

Das Wohnhaus ist von einer Reihe bekannter Personen der Berliner Gesellschaft genutzt worden: Der Bauherr Robert Leibbrand wohnte hier 1912-18 in der größeren Duplexwohnung im Hause. Nach 1918 verkaufte Leibbrand das Haus. Im Erdgeschoß lebte der namhafte jüdische Architekt Leo Nachtlicht (1872-1942) bis 1917 in der größeren Wohnung. Sein Nachmieter wurde der jüdische Unternehmer und Kunstsammler Oskar Skaller (1874-1944), der mit Verbandsmaterial im Ersten Weltkrieg ein großes Vermögen erworben hatte. Skaller versteckte während des Kapp-Putsches 1920 den SPD-Vorsitzenden Otto Wels nach der Ausrufung des Generalstreiks in seiner Wohnung. Berühmt waren Skallers Tanzfeste Ende der 20er Jahre, bei denen auch der junge Klarinettist Benny Goodman gespielt haben soll. Nach der „Arisierung“ seiner Unternehmen emigrierte Skaller 1938 nach Südafrika.

Die Fotografin Yva - mit bürgerlichem Namen Else Ernestine Neulaender (1900-1942) – erregte schon 1925 mit ihren Mode- und Werbefotos großes Aufsehen. Sie zog 1934 nach ihrer Heirat mit dem Kaufmann Alfred Simon (1889-1942) in die größere Duplexwohnung mit der zweigeschossigen Halle und der Dachterrasse, die sie als „locations“ nutzte. 1936-38 lernte der junge Helmut Neustädter (1920-2004) bei ihr das Handwerk des Fotografen, er kam nach seiner Emigration 1938 später unter dem Namen Helmut Newton zu Weltruhm. 2002 besuchte er die ehemalige Stätte seiner Ausbildung und bekannte, dass seine Lehrzeit bei Yva „wahrscheinlich die glücklichste Zeit meiner Jugend in Berlin“ gewesen sei. Yva erhielt 1938 Berufsverbot, wurde als Röntgenassistentin zwangsverpflichtet, ihr Mann wurde Straßenkehrer. Sie entschlossen sich erst 1942 zur Emigration in die USA, wurden am 1. Juni 1942 von der Gestapo verhaftet, mit dem 15. Transport am 13. Juni 1942 deportiert und im KZ Majdanek (oder Sobibor) ermordet.

Der polnisch-jüdische Eigentümer des Hauses Benjamin Hersz Liberman, der in Paris lebte, wurde nach dem deutschen Überfall auf Polen faktisch enteignet: Es wurde ein „kommissarischer Verwalter“ bestellt, der das Grundstück am 30. Juli 1941 an die Reichskulturkammer (RKK) – vertreten durch Ministerialdirektor Hans Hinkel im Propagandaministerium - veräußerte.

Hans Hinkel (1901-1960) war „Alter Kämpfer“, beteiligt am Hitler-Putsch 1923 in München und durchlief eine steile Karriere im „Dritten Reich“: Er wurde 1933 Dritter Geschäftsführer der RKK, war ab 1935 als Referent für „Judenfragen“ im Propagandaministerium bei der Verdrängung jüdischer Künstler aus dem Kulturleben tätig. Ende 1942 übernahm er die Filmabteilung im Ministerium, wurde schließlich 1944 Reichsfilmintendant und kontrollierte die deutsche Filmproduktion. Nach Umbauten vom Erdgeschoß bis zum 2. Obergeschoß zog Hinkel in die Schlüterstraße 45 ein, sein elegantes, holzgetäfeltes Büro befand sich im 2. OG im früheren Musikzimmer der 10-Zimmer-Wohnung. Hier verhandelte er mit Schauspielern der UFA, mit Hans Albers, Heinrich George, Gustaf Gründgens, Heinz Rühmann u.a. über Rollen und Gagen. Im Erdgeschoß ließ Hinkel im früheren Esszimmer und Salon der 10-Zimmer-Wohnung einen Kinosaal mit Projektionsraum einrichten, um neue Filme prüfen zu können. Dieser Raum ist - wie Hinkels Büro - gut erhalten und heute Speisesaal des Hotels Bogota.

Nach der Eroberung Berlins durch die Rote Armee wurde Hinkels verlassene RKK in der Schlüterstraße von Widerständlern der Gruppe Ernst (Wolfgang Schmidt, Alex Vogel u.a.) „besetzt“. Der eine Teil der Gruppe richtete hier die Kammer der Kunstschaffenden ein, die die Künstler in die verschiedenen Kategorien der Lebensmittelkarten einstufte und als Informationsbörse fungierte, der andere Teil richtete hier eine Entnazifizierungsspruchkammer für Künstler ein, die mit dem NS-Regime zusammengearbeitet hatten; berühmt wurde das Verfahren gegen Wilhelm Furtwängler am 10. und 17. Dezember 1946 im Hause, das zur Entlastung des Dirigenten führte. In der Kunstkammer fand im Sommer 1945 die erste Nachkriegsausstellung mit Werken von expressionistischen Malern und Bildhauern statt.

Nach der Gründung des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands durch Johannes R. Becher (1891-1945) am 26. Juni 1945 zog der Kulturbund zeitweilig in die Schlüterstraße 45. Becher gründete hier am 16. August 1945 den Aufbau-Verlag. Ende 1947 verlagerte Becher den Kulturbund und den Aufbau-Verlag in den Sowjetsektor, nachdem die Zulassung des Kulturbunds in allen vier Sektoren an den Briten und Amerikanern gescheitert war.

Empfehlungen für die Erhaltung des Denkmals: Das Haus Schlüterstraße 45 war bis 1933 ein Ort der gelebten „deutsch-jüdischen Symbiose“, danach ein Ort der „zerstörten Vielfalt“ und des Kontrollapparats des NS-Regimes, nach der Befreiung 1945 ein Ort der bewussten Re-Demokratisierung. Dieses Haus mit seiner reichen künstlerischen und politischen Geschichte steht zwar seit 1995 unter Denkmalschutz, ist aber dennoch erheblich gefährdet: Ein Teil des erhöhten Erdgeschosses ist 2006 in ein ebenerdiges Geschäftslokal umgebaut worden; der Eigentümer will diesen Umbau nach Auszug des Hotels Bogota fortsetzen. Dann würden der Eingangsbereich des Hauses und der Kinosaal der RKK zwangsläufig zerstört und die Proportionen der Straßenfassade massiv verändert werden. Das Yva-Atelier mit der zweigeschossigen Halle und der Dachterrasse wäre bei einem Dachausbau gefährdet. Wir appellieren an das Bezirksamt und die Untere Denkmalschutzbehörde, solche Zerstörungen eines herausragenden künstlerischen und zeitgeschichtlichen Baudenkmals nicht zuzulassen, sondern dafür zu sorgen, dass dieses Dokument der deutsch-jüdischen Symbiose, der zerstörten Vielfalt und der bewussten Re-Demokratisierung erhalten bleibt.

Denk mal an Berlin e.V.
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