Bogensee - Ort zweier deutscher Diktaturen
1913 erwarb Berlin Ländereien im Umland, so auch einen bemerkswerten Teil des Naturschutzgebietes am Bogensee, 15 km von Berlin entfernt. Heute gehört es immer noch Berlin und wird von der Berliner Immobilien Managementgesellschaft (BIM) verwaltet, einer stadteigenen Gesellschaft. Die mit der Geschichte dort nichts anfangen kann und ihre Relikte am liebsten abreissen möchte. Dagegen erhob sich sowohl aus Wandlitz, in dessen Bereich der Ort liegt, wie in anderen Nachbargemeinden sowie aus Berlin, von Stadtplanern und Denkmalpflegern Protest. Denn die dort während der vergangenen 90 Jahre entstandenen Bauten spiegeln nicht nur die deutsche Geschichte wieder, sondern stehen wegen ihrer historischen Bedeutung auch unter Denkmalschutz. Zuletzt wurde mit Wandlitz für 2 Jahre eine Nutzungsvereinbarung geschlossen, um bis Ende 2027 eine Perspektive für das Areal zu entwickeln.
In der Nacht vom 22. Januar brannte das Dach des Hauptgebäudes, des Lektionsgebäudes ab. Das Übergreifen des Brandes auf seine Flügelbauten und weitere Häuser konnte durch das bei diesen Eisestemperaturen wahrhaft heldenhafte Eingreifen der Wandlitzer und vieler weiterer Feuerwehren der umliegenden Gemeinden verhindert werden.
Der Wandlitzer Bürgermeister Oliver Borchert erklärte: "Der Brand ist ein tiefer Einschnitt - für unsere Gemeinde und für alle, die sich seit rund zwei Jahren so intensiv für ein tragfähiges Zukunftsmodell dieses Ortes einsetzen. Das Areal steht sinnbildlich für ein schwieriges Kapitel deutscher Geschichte, aber auch für die Chance, Erinnerung, Bildung und gesellschaftliche Auseinandersetzung miteinander zu verbinden. Diese Chance ist durch das heutige Ereignis nicht beendet."
Welche deutsche Geschichte ist in den Bauten von Bogensee präsent?
1. Diktatur
1936 liess sich Propagandaminister Joseph Göbbels direkt am Bogensee ein Blockhaus bauen und dafür ca. 200 Hektar des dortigen Naturschutzgebietes auf Lebenszeit - kostenlos - überschreiben. Bau und Inventar zahlte das Forstwesen, also der Steuerzahler. 1939 - Göbbels feilte an seinen Hetzreden für den totalen Krieg und gegen Juden - liess er ein repräsentatives Sommerhaus am gegenüberliegenden Ufer errichten mit versenkbarer Panoramascheibe, aufwendigem Inventar, einem Kinosaal, in dem er bei Festen für die Filmwirtsschaft Filme vorführen konnte und zwei Nebengebäuden für Personal, Fahrzeuge und weitere Diensträume. Zunächst wurde alles ohne Baugenehmigung in den Wald gesetzt, die ihm dann Hermann Göring nachträglich besorgte. Auch die Ausgaben hierfür zahlte der Staat, die Steuerzahler/in. Göbbels schwärmte in seinem Tagebuch von der Ruhe und Einsamkeit in Bogensee, während in Berlin die Bomben fielen. In Bogensee fielen keine.
2. Diktatur
Nach dem Krieg nahm die DDR die unzerstörten Bauwerke in Besitz. Berlin lag ja weitgehend in Trümmern und so konnte hier rasch ein Bildungsort entstehen. In Göbbels Villa wurde eine Schule für die FDJ (Freie Deutsche Jugend) eingerichtet, was wegen der Platznot aber schon 1951 zur Planung einer FDJ-Jugendhochschule für die neuen politischen Kader der Jugend- und Pionierverbände führte. Zunächst wurde ein Team um den Architekten Hermann Henselmann beauftragt, das Pavillons in den Wald stellen wollte, die Walther Ulbricht aber verwarf, da er repräsentative Bauten im Stil der Stalinallee forderte. So entstand das Lektionsgebäude als Zentrum der ganzen Anlage, das eine Bibliothek, einen Hörsaal für ca. 500 Student/innen und Seminarräume enthielt. Weitere Gebäude entstanden als Folge der Nutzung, von denen die meisten heute noch erhalten sind.
Nach 1990
Die Idee des Bildungsortes setzte sich zunächst fort: Ehemalige Mitarbeiter gründeten hier ein Bildungs- und Tourismus-Centrum, das sich leider finanziell nicht trug und 1991 vom IB (Internationaler Bund für Sozialarbeit) als Internationales Bildungs-Centrum mit Kongresshotel übernommen wurde. Dort wurden z.B. Lehrlinge ausgebildet, die durch Schliessung ihrer DDR-Firmen auf der Strasse sassen. Es wurden auch von Firmen Bereiche angemietet, ein Restaurant eingerichtet, aber die finanziellen Aufwendungen waren auch hier zu groß, die Einnahmen zu wenig. 1999 verließ der IB das Gelände. Seitdem stehen die Häuser leer. Seitdem wird um ihre Erhaltung und eine tragfähige Nutzung gerungen.
Rundgang durch Bogensee
Das Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam kam auf die geniale Idee, eine Online-Ausstellung „Bogensee. Eine historische Ortsbegehung“ ins Internet zu stellen, in der nicht nur die Lage der Gebäude und Fotos von ihnen enthalten sind, sondern auch interessierten Besuchern, die den Ort nicht kennen (und auch keinen Zutritt haben), ein zeithistorisch fundiertes Informationsangebot zur Geschichte des Geländes anhand der einzelnen Bauten geboten wird.
Das Vorhaben wurde von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, vom Brandenburgischen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur gefördert und von der Gemeinde Wandlitz sowie dem Museum Utopie und Alltag unterstützt.
Einen link zu der Online-Ausstellung finden Sie auf dieser Seite.
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Weitere Infos (externe Seite)