Haus Marlene Poelzig, Berlin - Abriss und Aufbruch
Am 31. März fand in unserem Büro die Buchvorstellung „Haus Marlene Poelzig, Berlin – Abriss und Aufbruch“ statt; der Anlass dafür war die Veröffentlichung der zweiten Auflage dieses Buches. Die Initiative Haus Marlene Poelzig wurde durch Jan Schultheiß, Kunsthistoriker und Stadtplaner, präsentiert und mit zahlreichen Details über die Familie von der Enkelin Marlene Poelzigs, Katharina Blaschke, spannend begleitet.
Viele kennen den Ehemann von Marlene Poelzig, den prominenten Berliner Architekten Hans Poelzig, der auch als Maler und Bühnenbildner bekannt wurde. Doch was ist mit seiner Frau? Leider erhält sie bis heute nicht die gleiche öffentliche Aufmerksamkeit, obwohl auch sie als Architektin und Bildhauerin tätig war und für zahlreiche Bauten ihres Mannes die Innenarchitektur entwarf wie etwa die berühmten Lichtsäulen im Friedrichstadt-Palast oder die Kino- und Theaterräume des Babylon und des Capitol am Zoo.
Das inzwischen trotz aller Proteste und der engagierten Öffentlichkeitsarbeit der Initiative abgerissene Wohn- und Atelierhaus in Berlin-Grunewald entwarf Marlene 1929-30 für sich und ihre Familie. Ein außergewöhnliches Haus und ein Meisterwerk der Moderne, das damals viel Aufmerksamkeit seitens der Presse erhielt; darüber wurde in den USA, in Frankreich und in Japan berichtet.
Das Paar empfing in diesem Haus viele Gäste, unter denen auch Theodor Heuss und Paul Wegener waren. Was den Abend noch spannender machte, ist der kurze Blick hinter die Kulissen der Familie Poelzig. Katharina Blaschke, die Enkelin von Marlene Poelzig, teilte mit uns liebevolle Briefe, die Einblicke sowohl in die Arbeit als auch in die persönlichen Beziehungen der Familie Poelzig geben.
Unsere Geschäftsstelle in der Kantstraße 106 war an diesem Abend wieder bis auf den letzten Fensterplatz besetzt. Es gab spannende Diskussionen im Anschluss an die Buchvorstellung. Die Gäste nannten weitere Beispiele von Wohnhäusern, die vom Abriss bedroht sind. Zum Beispiel das Haus Schmitt von Winterfeld aus der Nachbarschaft der Familie Poelzig. Das Publikum betonte, dass Architektinnen und Architekten in der heutigen Berichterstattung oft nicht ausreichend berücksichtigt werden. (Bericht: Mariia Liublianska)
Marlene Poelzig - Bildhauerin und bedeutende (Innen)Architektin
Marlene Poelzig, geb. Moeschke (1894-1985) liess sich zunächst in ihrer Geburtsstadt Hamburg zur Bildhauerin ausbilden, wechselte dann nach München und erhielt 1917/18 ein Atelierstipendium der Preussischen Akademie der Künste in Berlin. Hier lernte sie den Architekten Hans Poelzig kennen, mit dem zusammen und gleichberechtigt sie 1920/21 das Bauatelier Poelzig gründete, 1923 das erste von drei Kindern bekam und den sie 1924 heiratete. Mit ihrem Mann arbeitete sie an verschiedenen Bauprojekten zusammen und brachte ihre berufliche Erfahrung auch bei den Innendekorationen ein wie im Haus des Rundfunks an der Masurenallee. Hier sind ihre Leuchten im Foyer erhalten geblieben.
In Forschung Frankfurt 2/2005 beschreibt Heike Hambrock, die über die Poelzigs promovierte und den Briefwechsel der Poelzigs auswertete, wie eng die gemeinsame Arbeit der Poelzigs tatsächlich war: "Der Übergang von der flüchtigen Ideenskizze Poelzigs zur Arbeitsstudie Moeschkes war fließend. Die Bildhauerin fertigte nach den Formskizzen Poelzigs die Gips- und Tonmodelle. Anhand Poelzigs Bauanweisungen und Entwürfen für die Lichtsäulen im runden Foyer des Großen Schauspielhauses, das zum Symbolbau der Weimarer Republik und Inbegriff expressionistischen Bauens werden sollte, lässt sich nachvollziehen, wie die beiden zusammengearbeitet haben. Eine dreischiffige Markthalle verwandelten sie innerhalb eines Jahres in ein riesiges, von einer Sternenkuppel mit Zapfenreihen überwölbtes Amphitheater. Der Bau selbst erschien als eine zwischen Sakralem und Profanem schwankende, fantastische Bühnenkulisse konzipiert. Während der Bauzeit saß Poelzig, der bis 1920 eine Stelle als Stadtbaurat in Dresden innehatte, aufgrund der politisch instabilen Situation immer wieder in Sachsen fest, so dass Moeschke zusammen mit dem ersten Assistenten des Baubüros, dem so genannten »kleinen Wirth«, mitunter die Bauleitung übernehmen musste. (...) Mit Poelzigs Ruf an die Preußische Akademie erfolgte im Sommer 1921 die Trennung von der ersten Frau und endlich die offizielle Einrichtung des Bauateliers in Potsdam-Wildpark. (...) Marlene Moeschke übernahm vor allem kunstgewerbliche Aufträge und die Innenausbauten. Ihr blieb es zusammen mit den Mitarbeitern des Bauateliers zunehmend überlassen, die aus der Fantasie des Künstlers ohne Rücksicht auf Material und Zweck geschöpfte architektonische Formvision zu konkretisieren und sie über Detailskizzen, Schaubilder, Raumperspektiven und Grundrisszeichnungen in baubare Projekte zu überführen. Bei genauerem Studium der Skizzenbücher erkennt man dort auch die Handschrift der Bildhauerin. Es lässt sich daher manchmal kaum noch nachvollziehen, welche der »unwirklichen Architekturträume« (so Poelzig im Brief an Moeschke) vom Architekten selbst stammen und wie viele Marlene Moeschke oder die Assistenten für Ausstellungen, wie die Sonderschau im Rahmen der Herbstausstellung der Dresdner Künstlervereinigung 1919, überarbeiteten." (S. 73-75)
1930 bezog Marlene Poelzig mit der angewachsenen Familie ein Wohnhaus, das sie allein entworfen hatte - ein vielfach von damaligen Zeitschriften beachtetes und ausführlich beschriebenes aussergewöhnliches Projekt. Die Zeitschrift "Innendekoration" würdigte 1931 mit einer ausführlichen Bildstrecke das Vorhaben: "Haus und Garten in stärkster Wechselbeziehung zueinander, Stätte intensiven Arbeitens und Ort behaglichen Wohnens, ein Reich der Kinder für sich, freundliche und sonnige Schlafräume, das ist in der Tannenberg-Allee in Berlin-Westend entstanden: - das "Haus Poelzig", erbaut von Marlene Poelzig." Was schon in diesen einleitenden Worten des Artikels deutlich wird, ist die neuartige Verbindung von Arbeitsstätte (beide Ehepartner hatten ihre Ateliers im Haus), die besondere Lage der Kinderzimmer, die sich in den Garten vorschoben und mit Planschbecken und Spielplatz fortsetzten sowie überhaupt die enge Verbindung von Wohnhaus und Garten. Der war von den bekannten Gartenarchitekt*innen Herta Hammerbacher, Karl Foerster und Hermann Mattern gestaltet.
Als Hans Poelzig 1936 starb, führte Marlene Poelzig zunächst das Bauatelier weiter, musste es jedoch schon ein Jahr später auf Druck der NSDAP auflösen. Sie verkaufte das Haus, vermutlich nicht ganz freiwillig, an den NS-Regisseur Veit Harlan und zog nach Hamburg zurück. Schon von ihm wurde das Haus verändert, Ende 1944 erhielt es einen Bombentreffer und blieb bis 1954 als Ruine stehen. Danach kam es in den Besitz der Westfälischen Transport AG, die es umbaute und weiterer Eigentümer. Das Landesdenkmalamt entschied 1987 den Garten nicht unter Schutz zu stellen und 1990 auch nicht das Haus wegen der Umbauten auf die Denkmalliste zu setzen. Ab Mitte der 2010er Jahre wechselten die Besitzverhältnisse häufiger, das Haus stand leer und verfiel zusehends. 2017 wurde der erste Abrissantrag genehmigt, 2020 eine Petition für den Erhalt dieses einzigen bekannten Wohnhauses, das von einer Architektin der Weimarer Zeit entworfen worden war, lanciert. Wieder lehnte das Landesdenkmalamt die Unterschutzstellung ab. Ab November 2021 begann der Abriss. Die Initiative, die sich gegen die Demolierung des Gebäudes gebildet und demonstriert hatte, resumierte: "Wenn es im letzten Jahr einen guten Willen gegeben hätte und der besondere Wert des Hauses gesehen worden wäre, wäre es vermutlich zu retten gewesen; kreative Ideen und konkrete Ansätze gab es zuhauf. Eine Neuaufnahme der Debatte um die Schutzwürdigkeit von Gebäuden als kulturhistorische Substanz und energiereiche Ressource ist in Berlin und darüber hinaus dringend geboten!"
Das Buch "Haus Marlene Poelzig, Berlin - Abriss und Aufbruch", hrg. von der Initiative Haus Marlene Poelzig, Hannah Dziobek und Hannah Klein, wurde 2025 mit dem DAM Architectural Book Award ausgezeichnet. Die 2. Auflage erschien am 1. April 2026 im Verlag Urbanophil und kostet 36 €. Es zeichnet in einem Rundgang durch das Haus anhand von Fotos und Texten, mit Essays und einem Werkverzeichnis Leben und Arbeit von Marlene Poelzig nach.
Fotos des Hauses aus der Zeitschrift Innendekoration, Darmstadt 1931, Heft 8, S. 314-319
Foto von Marlene Poelzig: Erbengemeinschaft Marlene Poelzig, Fotograf*in unbekannt